Whitby Whale Watching – Ausfahrt zu den Walen in der Nordsee

Wale in der Nordsee? Spektakuläre Walbeobachtungen gibt’s nicht nur in Island, Kanada und den Kanaren. Der Geheimtipp für Whale Watching in der Nordsee liegt im malerischen Städtchen Whitby an der englischen Ostküste.

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«Da bläst er!» Dieser Ausruf elektrisiert in Whitby seit Jahrhunderten. «Thar she blows!», riefen die englischen Walfänger dazumal, wenn sie ihre Beute ausmachten. Wale! Weithin erkennbar an ihrem «Blas», einer Fontäne aus Dampf und Gischt, wenn die mächtigen Meeressäuger auftauchen, um Atem zu holen. Dann begann die Jagd. Heute sind die Wale an der englischen Ostküste ausserhalb des pittoresken Städtchens Whitby wieder Anziehungspunkt. Verfolgt werden sie heute aber mit respektvollem Abstand, und «geschossen» nur noch mit Kameras.

Untrüglicher Spürsinn

«Viele Besucher sind überrascht, dass man hier in der Nordsee verschiedene Wal- und Delfinarten beobachten kann», sagt Bryan Clarkson. Der ehemalige lokale Fischer kennt die Gewässer wie seine Westentasche. Seit 2002 fährt er mit Touristen für sein Unternehmen Whitby Whale Watching aus. Mit untrüglichem Spürsinn findet er die majestätischen Meeressäuger und andere Bewohner der Nordsee. «Schweinswale!», ruft der Kapitän der «Specksioneer», nur Minuten nach dem Auslaufen aus dem romantischen Hafen von Whitby. Diese eher unscheinbaren kleinen Zahnwale werden oft mit Delfinen verwechselt. Nur kurz zeigen sich ihre Rückenflossen, die Finnen, dann tauchen sie ab.

Als wissenschaftliche Begleiterin mit an Bord ist Kathrin Roelli. Die Schweizer Meeresbiologin hat an der englischen Küste studiert und betreut die Gäste. Sie gibt Auskunft über Wale, Delfine und andere Meeresbewohner, sowie über deren empfindlichen Lebensraum, den Ozean. Gleichzeitig hält sie mit dem Fernglas Ausschau. Ihre Beobachtungen sammelt die Wissenschaftlerin für Sea Watch Foundation, eine nationale Stiftung für den Schutz von Meeressäugern rund um Grossbritannien und Irland. «Eine sorgfältige und langfristige Datenerfassung ist unerlässlich, um unser Wissen über das Vorkommen und die Verbreitung von Wal- und Delfinarten in der Nordsee zu erweitern», erklärt Kathrin Roelli: «Nur so werden wir für deren Schutz ernsthafte Veränderungen durch Verschmutzung, Fischerei, Lärm und Klimawandel im grossen Rahmen überhaupt erkennen können.»

Mehrfaches Dilemma

Selbst die Waljagd ist für die hier recht häufig beobachteten Zwergwale immer noch eine der grössten Bedrohungen. Zwar hat England den Walfang längst beendet. Und in Whitby, bis 1833 ein Zentrum des Walfangs, mit 55 Schiffen und eigenen Walölfabriken, sind die Relikte dieser blutigen Zeit ins Walfangmuseum gewandert. Doch der Nachbar jenseits der Nordsee, Norwegen, jagt noch immer Zwergwale und tötet Jahr für Jahr bis über 700 Tiere.

Für Skipper Bryan ein mehrfaches Dilemma. Denn wie Kathrin hat auch er die bis 12 Meter langen Bartenwale ins Herz geschlossen. «Es schmerzt, dass diese intelligenten, empfindsamen Wale sozusagen gleich gegenüber noch immer gejagt werden. Man kann ein so grosses Tier nicht schnell und schmerzlos töten.» Und wenn durch Norwegens Waljagd die Bestände einbrechen, dann leidet auch sein Unternehmen. «Ich bin überzeugt, dass auch auf der norwegischen Seite das Whale Watching schon nur wirtschaftlich betrachtet viel sinnvoller wäre.»

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«Thar she blows!»

Kathrin Roelli ergänzt: «Wie die meisten Meeressäuger pflanzen sich auch Zwergwale nur sehr langsam fort. Sie sind erst mit sechs bis acht Jahren geschlechtsreif und bringen nur etwa alle zwei Jahre ein Kalb zur Welt.» Zudem sind zutrauliche Wale, die in der «Specksioneer» keinerlei Gefahr erkennen, für die Touristen besonders interessant. Genau dies macht Bryan Clarkson Sorgenfalten: «Was, wenn sich ein solches Tier auf der norwegischen Seite ohne Scheu einem Walfänger nähert?»

Dann sieht sein geschultes Auge einige Punkte voraus im Meer. Durch das Fernglas erkennt er Seehunde. Und weiter voraus kreisen Möwen, Tölpel und Sturmvögel. «Robben und Vögel folgen den Fischschwärmen. Dann sind oft auch Wale nicht weit.» Tatsächlich: «Thar she blows!» ruft der Skipper plötzlich laut. «Auf elf Uhr!» Das bedeutet vorne, etwas links vom Bug. Aufgeregt eilen die Gäste an die Reling, die Kameras schussbereit. Immer näher kommt der kreisende Vogelschwarm.

Hat der Wal hochgeblickt?

Da tauchen sie auf. Zwei ausgewachsene Zwergwale. Anspannung weicht Begeisterung. Mehr noch, als ein Tier ganz nah am Schiff vorbeizieht und sich sogar etwas zur Seite neigt, sodass man deutlich sein Auge erkennt. Hat der Wal hochgeblickt? Seine Beobachter beobachtet?

Dann ist Zeit zur Rückfahrt. Bald werden mächtige Gezeitenströme den Hafen von Whitby leeren. Die Ebbe naht. Zufrieden, etwas zerzaust vom Fahrtwind und mit vielen Eindrücken von der britischen Nordseeküste beglückt, fahren die Touristen etwas später im gemütlichen Städtchen ein. Zurück am Steg machen Bryan und Kathrin das Schiff bereits wieder startklar für den nächsten Morgen. Denn dann wird die «Specksioneer» erneut auslaufen zum überraschenden Spektakel – den Walen in der Nordsee.

Bilder: shutterstock

Text: Hans Peter Roth

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